19. Oktober 2017

Kleider des Himmels



Er wünscht sich die Kleider des Himmels (W. B. Yeats)

Hätt ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.



Ich habe das Gedicht gelesen und hatte gleich eine Idee... und über diese Idee habe ich nachgedacht und nachgedacht... und dann habe ich schon das Novembergedicht gelesen und überlegt, ob ich dazu was machen möchte... und da habe ich mich gestern plötzlich hingesetzt und meine Idee "in die Hand genommen". Vielleicht 2 Stunden habe ich gestern und heute daran gearbeitet. Zuerst war da der Rock, angedeutet durch den Faltenwurf. Mit der Maschine auf eine alte Jeans aufgenäht. Die Füsse, erst vorgezeichnet und dann gestickt. Nun war ich mir unsicher. Träume, Schäume... sollte ich Träume als Wort stempeln oder die Schäume mit Stofffarbe aufmalen... Ich habe die Schaumblasen dann aus Stoff ausgeschnitten und aufgenäht. Eine zerplatzt, trotz vorsichtigem Auftritt...
Das Gedicht habe ich erst wieder für diesen Artikel gelesen und bemerkt, dass sich über die Zeit des Nachdenkens die Idee etwas verselbstständigt hat und nicht mehr so nah am Inhalt des Gedichts ist... aber das gefällt mir. Mein "Bild" nicht nur als Illustration sondern als eigener Gedankengang...

Vielen Dank Andrea, für diese zauberhafte Aktion. Auch wenn ich nicht immer mitmachen kann, verfolge ich Deine Gedichtauswahl und die gesammelten Beiträge mit Spannung und grosser Freude.

שלום, سلام، und macht's gut, Maren

15. Oktober 2017

Ein Koffer voll





Seit ich in Israel lebe, weiss ich, wie deutsch ich bin. So deutsch, dass ich eigentlich den ganzen Tag mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne in der Hand herumrennen könnte. Mag ich nicht, mach ich nicht. Brauch ich auch nicht, meine Mitmenschen erkennen mich auch so, mich, die Deutsche.

Adriana Alteras hat, glaube ich, mal gesagt, jeder hätte einen Koffer, in dem er seine Vergangenheit mit sich herumschleppe (ich meine in dem Film “Titos Brille” war das; ein sehr schöner Film übrigens). Ich habe auch so einen Koffer. Da sind all die Jahre drin, die ich in Deutschland verbracht habe (immerhin 37) bevor ich nach Israel “ausgewandert” bin. Ein Koffer voll mit deutscher Kultur, gefüllt von mir und anderen.
Dieser Koffer ist die meiste Zeit mindestens einen Spalt geöffnet (Auslandsdeutscher, sagen die Behörden dazu, also die deutschen). Aber manchmal, ab und zu, ist er geschlossen: wenn ich mich, zum Beispiel, zu meiner Schwägerin in den Garten setze um ihr beim Brotbacken zuzugucken und sie bei den letzten Pita-Scheiben auf die Idee kommt daraus Pizza zu machen, für ihre und auch gleich für meine Familie mit und ich mir so das Kochen sparen kann und wir sogar noch Zeit für einen Kaffee haben. Oder wenn die Kassiererin im Supermarkt mich “Süsse” nennt und meinem quengelnden Kind ungefragt ein Bamba-Tüte (Erdnussflips) in die Hand drückt. Dann freue ich mich und fühle mich “daheim”. Diese spontane Herzlichkeit, Freundlichkeit, Grosszügigkeit und Geselligkeit… vielleicht liegt es am Wetter…
Aber oft, ziemlich oft sogar, ist der Koffer auch sperrangelweit offen. Und dann steh ich hier und kann nicht anders:
-wenn ich mich mit einer Tasse Kaffee und einem Buch in den Garten setze und nach spätestens 10 Minuten eine meiner Schwägerinnen auftaucht um mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft zu leisten; dann nach weiteren 10 Minuten wir zu viert dort sitzen und ich spätestens nach der Frage ‘musst Du das für die Arbeit lesen?” das Buch zuklappe und beiseite lege. (Wir haben hier einmal die Stadtbibliothek besucht. Wir durften uns pro Kind ein Buch ausleihen, nicht mehr, und auch keine Sachbücher, die durfte man nur vor Ort angucken. Da hatten meine Kinder keine Lust mehr.) Das geschriebene Wort, ob Bücher, Zeitungen, Briefe (wer schreibt hier Briefe!) oder Mitteilungen aus der Schule… Hier gilt eher die Mund-zu-Mundpropaganda und Herr Gutenberg wäre hier arm geworden.
-wenn mein Mann auf eine Frage mit “Inshaallah” antwortet. “So Gott will” beinhaltet eine ganze Bandbreite von Deutungsmöglichkeiten: nein, ja, vielleicht doch, eher nicht… Aus meinem Koffer schreit es dann: sag ich will oder ich will nicht, sag um acht und dann komme auch um acht (und rufe nicht im neun an, dass es zehn wird). Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit,… ach, warum meckern die Deutschen über ihre Post… das letzte Paket, welches meine Eltern abgeschickt haben ist nun schon 2 Monate unterwegs. Im Flugzeug war es schon nach drei Tagen.
-wenn ich am 8. Mai von russischen Einwanderern im Hebräischkurs gefragt werde, ob ich wüsste was heute für ein Feiertag sei und dass der ja in Deutschland vielleicht höchstens als Trauertag begangen würde?!… und ich mich im Gegensatz dazu frage, warum dieser Tag hier in Israel Victoryday heisst… und mich darüber ärgere, dass mein Hebräisch für solche Diskussionen nicht gut genug ist. Manchmal ist der Koffer ganz schön schwer. 

Ach ich könnte tausende Geschichten erzählen… eigentlich mag ich meinen Koffer und ich mag meinen Kindern von ihm zu erzählen oder sie ihn in den Ferien erleben zu lassen.
Ich weiss auch, dass mein Blick auf die deutsche Kultur ein sehr subjektiver ist. Aber mir ist bei der Entstehung dieses Textes und mit der Beschäftigung mit diesem Thema vor allem bewusst geworden, dass diese deutsche Kultur durch ihre offenen Grenzen, durch ihren Aufnahmewillen und durch ihren Wissensdurst erstanden ist.
Kommen nicht deutsche Weihnachten aus Bethlehem und der rot-weisse Weihnachtsmann aus Amerika, und trotzdem ist Weihnachten ein “urdeutsches” Fest. Der liebste Muntermacher der Deutschen der Kaffee hat seinen Ursprung wahrscheinlich in Äthiopien und das Wort dafür haben uns die Araber vermacht. Die deutsche Kartoffel brachten die Spanier aus Südamerika nach Europa und die Italiener gaben ihr ihren Namen.Unsere Zahlen, die Schrift…
Darum können wir unsere Grenzen getrost offen lassen für Halloween, Döner oder sonstiges… und vor allem für all die Menschen die unsere Hilfe, Gastfreundschaft und Unterstützung brauchen (hier können wir nicht nur, hier müssen wir).
Ein langer Text, aber ein Herzensthema, nicht zu verallgemeinern (ich weiss es gibt auch grosszügige Deutsche und büchervernarrte Araber). Und ein Dank an Astrid, die mit ihrer Link-Party den Anstoss dazu gegeben hat und die sich diesem und vielen anderen spannenden Thema auf ihrem Blog "le monde de kitchi" mit viel Liebe (manchmal auch Ärger) und Gründlichkeit widmet.
Und Euch vielen Dank fürs Lesen und ich freue mich auf Eure Kommentare,
שלום, سلام، und macht's gut.
Maren

9. Oktober 2017

Papierliebe am Montag: Waldtiere


Die Pappstreifen sind Trennstreifen aus meinen Schwarzteebeutelpackungen. Ich liebe diese Kärtchen und habe deshalb immer mal wieder welche in meine Kramschublade gesteckt. Und als Frau Nahtlust das Papierliebe-Thema für diesen Monat ausrief, fielen sie mir wieder ein. Die Tannen und der Mond sind aus Tonpapier geschnitten. Der Rest mit Aquarellfarbe gemalt. Es wirkt etwas düster, eher so nach einer Erinnerung an den deutschen November. Trotzdem wünsche ich Euch einen goldenen Oktober, und ich werde mich heute Abend an all den anderen Waldtieren erfreuen, die sich bei Frau Nahtlust versammeln.
שלום, سلام، und macht's gut.
Maren

25. September 2017

Lesezeichen

Papierliebe-Montag von Frau Nahtlust, was für eine Entdeckung. So viel Schönes was da gezaubert und gesammelt wird. Gerade entdeckt und gleich ins Herz geschlossen.

Septemberthema: Lesezeichen. Manche habe zu jedem Kostüm die passende Handtasche, warum nicht zu jedem Buch das passende Lesezeichen... (beides etwas übertrieben, oder?).



Das Buch ist so ein Sommer-Leben-Gleiten-Träumen-Buch, trotz der Winter und der Härten die erzählt werden. Da passt so ein Lesezeichen, das einen schmetterlingsfliegen lässt in ferne Länder.

Alles Reste: ein Etiketten-Anhänger vom letzten Jeanskauf, eine Weltkarte aus dem Kalender der vergangenen Saison und Schmetterlinge vom Mustermittwoch bei Frau Müllerin-Art... die so etwas Neues ergeben.

So wünsche ich Euch eine schöne, neue Woche,
שלום, سلام، und macht's gut.

Maren

10. Mai 2017

gebunden

die tage habe ich einen brief gesucht. ich wusste, dass ich ihn in ein buch gesteckt hatte, aber ich hatte vergessen in welches. also habe ich gesucht und dabei, neben dem brief, noch etwas anderes gefunden. ein buch, lange nicht angefasst, gar nicht mehr im sinn... und deshalb wie ein kleines geschenk an mich (wieder, denn damals habe ich mich damit auch schon selbst beschenkt): "die grammatik der ornamente" von Owen Jones (die texte haben eher historischen wert, aber...)
so schöne bilder, so schöne muster...


und gleich entdeckte ich fäden und knoten. schnell habe ich mir papier und bleistift geholt und eine fliese aus dem kapitel "ornamente des mittelalters" abgemalt und mit aquarellfarben ausgemalt.



die farbtöne sind Kate Henderson von "two little banshees" geschuldet, die in ihrem letzten post so nett über die farbkombination blau-grün geschrieben hat: grün und blau steht jeder .... hab ich auch noch im ohr. 
zurück zum muster. die fliese habe ich eingescannt und vermustert. die weissen blumen wirken in der kombination wie kleine wollen. ein faden-knoten- muster im rapport für den mustermittwoch von Michaela.


ansonsten habe ich mich diese woche mit anderen bändern, also eher mit fäden beschäftigt. diese Idee (inspiriert durch @brooklynhaberdashery/instagram) gefiel mir auch ganz gut, werde ich auch noch weiter dran arbeiten. will aber kein muster werden.


nun bin ich gespannt, was, wie, wo sonst noch gemustert wurde.


שלום, سلام، und macht's gut.

3. Mai 2017

anbändeln




das mai-thema von @muellerin_art: bänder und knoten. ein papierband in meiner Schreibtischschublade blitzte mich an. band als werkmaterial.
druckerpapier (mit pappe zur verstärkung) mit dem geschenkband umwickeln und acrylfarbe mit dem haushaltsschwamm auftragen (@schreibtischwelten hat gerade einen schönen instagrambeitrag zu dieser art von werkeln geschrieben).



durch die farben erinnert es mich an shibori (#sowasvonindername).
die drucke habe ich dann als quadrate ausgeschnitten und eingescannt.



mein erstes mai-muster. (was ich mit den "echten" drucken mache? muss ich noch überlegen.)

שלום, سلام، und macht's gut.

27. April 2017

frühling im kleinformat


im vorherigen post hatte ich es ja bereits erwähnt: Michaela und Tabea luden zur frühlingsmailart2017 und ich wollte mit machen. habe ich auch. mit ganz viel freude.
nachdem mir das herz erst ein bisschen in die hose gerutscht war, als ich sah in welch hochkarätig besetzten gruppe ich gelandet war. in einer schrecksekunde habe ich sogar über premierengelisiebdruckkominationen nachgedacht. verrückt.
aber danach hat es einfach nur spass gemacht "mein" buch zu entwickeln. mein ding zu machen. als thema wollte ich meine idee aus dem eye-poetry-projekt von Andrea weiterentwickeln: blühende bäume. und dazu fiel mir ein gedicht aus dem arche-kinder-kalender in die hände (es fiel und gefiel), welches gut passte.
zur umsetzung habe ich mir dann erstmal einen rohling gefaltet (meine hochachtung allen, die hier gebundene bücher abgeliefert haben. das wäre mein untergang geworden) um ein gefühl für das kleine format zu bekommen. und ausprobiert und rumprobiert und rumgemacht... immer im hinterkopf "das musst du dann zehnmal machen".

und irgendwann hatte ich das erste exemplar exemplarisch fertig. nun ging es in serie:
zuerst der umschlag. einfach gestempelte kreise mit den farben, die auch im buch vorkommen.


dann die seiten aus weissem druckerpapier gefaltet und nach und nach beklebt.

gearbeitet mit allem, was mein fundus so her gab: acrylfarben, locher, kleber...


moosgummistempel und wasserfarben...
alte papiere und schablonen...



und dann zum schluss alles mit einem band gebunden und das gedicht mit buchstabenstempeln gedruckt (per computer verkleinert und vervielfältigt). dabei leider zu spät gelernt, dass sich "lampion" nicht so schreibt, wie ich es spreche (sorry!).


und anschliessend noch bestempelt. ab in den briefumschlag, den in den koffer meiner eltern, die in den flieger nach deutschland. mit genausten instruktionen zum weiteren verfahren.
ein tolles projekt. so vielfältig. so anregend und inspirierend. interessante beiträge und teilnehmer. danke. danke, danke.

שלום, سلام، und macht's gut.

15. März 2017

kommt eins zum anderen

meine kinder bekommen seit ein paar Jahren von ihrer oma den "arche kinder kalender" geschenkt. ein wunderschöner kalender mit wöchentlichen kinder-gedichten aus aller welt mit faszinierenden illustrationen. in der originalsprache und (wenn nötig) in gekonnter deutscher übersetzung.
und oft habe ich dabei gedacht: das möchte ich auch mal machen. ein gedicht illustrieren.

und vor genau einem monat stolpere ich über Mano's beitrag zum eye-poetry von Andrea aka frau holunder. da war er, der moment. nun hatte ich vorher nicht gerade Rilke im sinn, aber warum nicht. und während ich so nachdenke, fallen mir diese tollen minibücher von Eva ein. eins zum anderen eben.

aber damit nicht genug. ich werkel an meinem ersten minibuch, da rufen Tabea und Michaela zur frühlings-mail-art 2017 auf mit... ja eben, mit minibüchern. ha, da musste ich mich einfach anmelden.

und wenn hier einer, dann will auch der andere. mein sohnemann. zwar nicht mit Rilke, sondern mit einem dino-gedicht (urheber mir unbekannt).





falls nun noch jemand lust auf mini-bücher bekommen hat, bei Tabea findet sich hier ein vielfältige linksammlung zu dem thema.

[mein beitrag zu Andreas eye-poetry # 02

Will Dir den Frühling zeigen, der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen und kommt nicht in die Stadt.
Nur die weit aus den kalten Gassen zu zweien gehn
und sich bei den Händen halten - dürfen ihn einmal sehn.

Rainer Maria Rilke]

שלום, سلام، und macht's gut.