15. Oktober 2017

Ein Koffer voll





Seit ich in Israel lebe, weiss ich, wie deutsch ich bin. So deutsch, dass ich eigentlich den ganzen Tag mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne in der Hand herumrennen könnte. Mag ich nicht, mach ich nicht. Brauch ich auch nicht, meine Mitmenschen erkennen mich auch so, mich, die Deutsche.

Adriana Alteras hat, glaube ich, mal gesagt, jeder hätte einen Koffer, in dem er seine Vergangenheit mit sich herumschleppe (ich meine in dem Film “Titos Brille” war das; ein sehr schöner Film übrigens). Ich habe auch so einen Koffer. Da sind all die Jahre drin, die ich in Deutschland verbracht habe (immerhin 37) bevor ich nach Israel “ausgewandert” bin. Ein Koffer voll mit deutscher Kultur, gefüllt von mir und anderen.
Dieser Koffer ist die meiste Zeit mindestens einen Spalt geöffnet (Auslandsdeutscher, sagen die Behörden dazu, also die deutschen). Aber manchmal, ab und zu, ist er geschlossen: wenn ich mich, zum Beispiel, zu meiner Schwägerin in den Garten setze um ihr beim Brotbacken zuzugucken und sie bei den letzten Pita-Scheiben auf die Idee kommt daraus Pizza zu machen, für ihre und auch gleich für meine Familie mit und ich mir so das Kochen sparen kann und wir sogar noch Zeit für einen Kaffee haben. Oder wenn die Kassiererin im Supermarkt mich “Süsse” nennt und meinem quengelnden Kind ungefragt ein Bamba-Tüte (Erdnussflips) in die Hand drückt. Dann freue ich mich und fühle mich “daheim”. Diese spontane Herzlichkeit, Freundlichkeit, Grosszügigkeit und Geselligkeit… vielleicht liegt es am Wetter…
Aber oft, ziemlich oft sogar, ist der Koffer auch sperrangelweit offen. Und dann steh ich hier und kann nicht anders:
-wenn ich mich mit einer Tasse Kaffee und einem Buch in den Garten setze und nach spätestens 10 Minuten eine meiner Schwägerinnen auftaucht um mir in meiner Einsamkeit Gesellschaft zu leisten; dann nach weiteren 10 Minuten wir zu viert dort sitzen und ich spätestens nach der Frage ‘musst Du das für die Arbeit lesen?” das Buch zuklappe und beiseite lege. (Wir haben hier einmal die Stadtbibliothek besucht. Wir durften uns pro Kind ein Buch ausleihen, nicht mehr, und auch keine Sachbücher, die durfte man nur vor Ort angucken. Da hatten meine Kinder keine Lust mehr.) Das geschriebene Wort, ob Bücher, Zeitungen, Briefe (wer schreibt hier Briefe!) oder Mitteilungen aus der Schule… Hier gilt eher die Mund-zu-Mundpropaganda und Herr Gutenberg wäre hier arm geworden.
-wenn mein Mann auf eine Frage mit “Inshaallah” antwortet. “So Gott will” beinhaltet eine ganze Bandbreite von Deutungsmöglichkeiten: nein, ja, vielleicht doch, eher nicht… Aus meinem Koffer schreit es dann: sag ich will oder ich will nicht, sag um acht und dann komme auch um acht (und rufe nicht im neun an, dass es zehn wird). Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit,… ach, warum meckern die Deutschen über ihre Post… das letzte Paket, welches meine Eltern abgeschickt haben ist nun schon 2 Monate unterwegs. Im Flugzeug war es schon nach drei Tagen.
-wenn ich am 8. Mai von russischen Einwanderern im Hebräischkurs gefragt werde, ob ich wüsste was heute für ein Feiertag sei und dass der ja in Deutschland vielleicht höchstens als Trauertag begangen würde?!… und ich mich im Gegensatz dazu frage, warum dieser Tag hier in Israel Victoryday heisst… und mich darüber ärgere, dass mein Hebräisch für solche Diskussionen nicht gut genug ist. Manchmal ist der Koffer ganz schön schwer. 

Ach ich könnte tausende Geschichten erzählen… eigentlich mag ich meinen Koffer und ich mag meinen Kindern von ihm zu erzählen oder sie ihn in den Ferien erleben zu lassen.
Ich weiss auch, dass mein Blick auf die deutsche Kultur ein sehr subjektiver ist. Aber mir ist bei der Entstehung dieses Textes und mit der Beschäftigung mit diesem Thema vor allem bewusst geworden, dass diese deutsche Kultur durch ihre offenen Grenzen, durch ihren Aufnahmewillen und durch ihren Wissensdurst erstanden ist.
Kommen nicht deutsche Weihnachten aus Bethlehem und der rot-weisse Weihnachtsmann aus Amerika, und trotzdem ist Weihnachten ein “urdeutsches” Fest. Der liebste Muntermacher der Deutschen der Kaffee hat seinen Ursprung wahrscheinlich in Äthiopien und das Wort dafür haben uns die Araber vermacht. Die deutsche Kartoffel brachten die Spanier aus Südamerika nach Europa und die Italiener gaben ihr ihren Namen.Unsere Zahlen, die Schrift…
Darum können wir unsere Grenzen getrost offen lassen für Halloween, Döner oder sonstiges… und vor allem für all die Menschen die unsere Hilfe, Gastfreundschaft und Unterstützung brauchen (hier können wir nicht nur, hier müssen wir).
Ein langer Text, aber ein Herzensthema, nicht zu verallgemeinern (ich weiss es gibt auch grosszügige Deutsche und büchervernarrte Araber). Und ein Dank an Astrid, die mit ihrer Link-Party den Anstoss dazu gegeben hat und die sich diesem und vielen anderen spannenden Thema auf ihrem Blog "le monde de kitchi" mit viel Liebe (manchmal auch Ärger) und Gründlichkeit widmet.
Und Euch vielen Dank fürs Lesen und ich freue mich auf Eure Kommentare,
שלום, سلام، und macht's gut.
Maren

Kommentare:

  1. Sehr schöner Text. Danke Dir, eine Auslandsöstereicherin in Deutschland

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Und danke Dir für den Kommentar (am Wahltag). Liebe Grüsse Maren

      Löschen
  2. Ich danke dir für diesen Beitrag, so ganz herzlich, wie es die Menschen um dich herum zeigen können, ( denn das kann auch deutsch sein, weil in mir ja so viele andere Völker stecken ).
    Der Vergleich, der bringt es, den Blick zu schärfen und vielleicht doch wieder mehr zu wertschätzen, was einem das Land bietet, in das man nun wirklich ganz zufällig, da abhängig von lauter Unwägbarkeiten, hineingeboren worden ist. Das hast du bewirkt, und dein Beitrag ist eine tolle Ergänzung zur bisher noch recht kleinen Sammlung.
    Alles, alles Liebe!
    Astrid

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich freue mich über Deinen Kommentar und wünsche Dir eine schöne Woche. Danke Maren

      Löschen
  3. Liebe Maren,
    ich bin so begeistert von deinem Post und bin froh, dich hier kennengelernt zu haben, habe ich auch gleich bei mir verlinkt und in die Blogroll aufgenommen. Es ist so schön, einen Beitrag zu lesen.

    Stimmt, schleppt einen Koffer mit seiner Vergangenheit herum, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber den Koffer kann ich nur bedingt öffnen, weil ich keine Antwort mehr bekomen kann.

    Inschallah benütze ich hin uns wieder auch. "so Gott will" oder aber Kismet, wenn es Schicksal ist.

    Ja und Weihnachten und die ganzen Dinge, ja stimmt. Nun der 8. Mai, das Datum sollte man schon wissen, denn das gehört zur Allgemeinbildung, ich wollte es so aber nicht schreiben, sonst ....!! Nun ja.

    Ich finde durchaus nicht, dass der 8. Mai für die Deutschen ein Trauertag ist, im Gegenteil.
    Es gibt einen Film, was wäre wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte.

    Mir geht immer noch der Rechtsruck in Österreich und auch in Deutschland durch den Kopf. Ich verstehe es nicht.

    Nochmals lieben Dank für deinen Kommentar.

    https://www.youtube.com/watch?v=yf04m7h9jcg

    Lieben Gruß Eva
    alles Gute

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Eva für Deinen lieben Kommentar, ich freue mich wie Bolle... auch weil er mir sagt, dass etwas Arabisch verstehst... dann wünsche ich Dir "maasalame u barak alafiki". Liebe Grüsse Maren

      Löschen

  4. Shukran liebe Maren.

    Grüßle Eva

    AntwortenLöschen
  5. Was für ein herzensguter Beitrag zu Astrids Kultur-Post. Deine Perspektive ist ja auch eine ganz besondere. Auslandsdeutsche, was für ein Begriff, sowas... Am 8. Mai denke ich immer daran, was passiert ist. Kein Trauertag, nein. Gerade auch, weil ich ganz in der Nähe wohne, wo 1945 in den letzten Kriegstagen die Kesselschlacht von Halbe stattfand und weil dieses sinnlose Sterben endlich ein Ende hatte. Noch heute gibt es Spuren davon in den Wäldern. Mögen es die letzten bleiben und wir dankbarer und demütiger werden. Lieben Gruß Ghislana

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Ghislana, danke für Deinen Kommentar. Dankbarkeit und Demut, aber auch Auftreten und Dagegenhalten, wo wir merken, dass dieses Erinnern verdreht und missbraucht wird. Danke auch für Deinen nachdenklichen und ehrlichen Post zu diesem Thema. Liebe Grüsse Maren

      Löschen
  6. Liebe Maren, ganz großartig hast Du das geschrieben. Auf irgendeine Weise schleppen wir alle so einen Koffer mit uns herum. Aber ohne den Austausch wäre es ja auch furchtbar langweilig. Ich besuche Dich gerne regelmäßig, denn ich glaube, Langeweile ist bei Dir ein Fremdwort.
    LG
    Magdalena

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Magdalena, danke für Deinen Kommentar. Recht hast Du, irgendwas passiert hier immer... gut so. Liebe Grüsse Maren

      Löschen
  7. Ich finde das ganz interessant, was du schreibst!!! Mir ist Interkulturalität sehr wichtig, vor allem bei meiner Arbeit im Kindergarten, um bei den Kleinsten der Gesellschaft vielleicht ein wenig Offenheit gegenüber anderen Kulturen zu erreichen. Und dennoch ist es glaube ich wichtig, sich seine Kultur und seinen Koffer zu bewahren. Denn daraus kann man ganz schön Kraft schöpfen - ganz ohne sich abzugrenzen!!
    Liebe Grüße Andrea

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Andrea. Das ist schön gesagt: Kultur als Kraftquelle nicht als Ausgrenzungsmittel. So sollten wir es verstehen. Liebe Grüsse Maren

      Löschen
  8. Ein ganz toller Beitrag zu Astrids Thema ist das, vielen Dank dafür. Ja der Blick und der Koffer als Auslandsdeutsche ist ein anderer, wie der mitten drin zu stecken/zu leben. Uns immer wieder bewusst zu machen, dass Kultur lebt, sich wandelt und nie starr war, sondern schon immer alle möglichen und unmöglichen Einflüsse eingeflochten hat. Liebe Grüße, Eva

    AntwortenLöschen
  9. Richtig, genaue so ist es. Was lebt bewegt sich. Der Mensch, die Kultur... und erst dann ist es richtig gut. Danke und liebe Grüsse, Maren

    AntwortenLöschen
  10. deinen Beitrag habe ich mit Interesse gelesen..
    ja.. dieser Koffer..der unsere Wurzeln enthält
    wir müssen schon auf ihn acht geben..
    aber wir können ihn füllen mit allem was uns so im Leben über die Füße läuft ;)
    ich glaube.. gerade wenn man von "daheim" weg ist hütet man ihn noch eher..

    liebe Grüße
    Rosi

    AntwortenLöschen